Interview mit Luis Fonsi über „Despacito“

BZ-INTERVIEW mit Luis Fonsi über seinen weltweiten Sommerhit „Despacito“ und seine Pläne für die Zukunft .

 

Die Suche nach dem Sommerhit 2017 musste gar nicht ausgerufen werden. Er ist längst da, der Song, der seit Monaten alles beschallt, was Ohren hat. „Despacito“ („Gemächlich“) heißt er. Der Mann hinter dem Hit ist Luis Alfonso Rodríguez López-Cepero, kurz Luis Fonsi. Er ist 39, kam in Puerto Rico zur Welt, lebt in Miami und ist in der lateinamerikanischen Popwelt seit Ende der Neunziger ein Superstar. Nur bei uns kannte ihn bis vor kurzem kein Mensch, was sich nun gerade logischerweise ändert. Steffen Rüth sprach mit Luis Fonsi in Berlin.

Hier gibt’s die Akustik-Version von Corazón del Caribe von Despacito:

BZ:
Luis, als Sie zusammen mit Daddy Yankee „Despacito“ geschrieben haben, wie war da ihr Gefühl?
Fonsi:
Dieses Lied hatte von Anfang an viel Magie. Es war schon etwas Besonderes, und wir hatten das Gefühl, hier einen starken, melodischen, lustigen, energiegeladenen Song zu haben. Wir brachten ihn mit einiger Überzeugung auf den Markt. Doch das, was mit der Nummer passiert ist, das ist eine große Überraschung für mich.
BZ: Kann man nicht ein bisschen vorhersagen, ob ein Song ein Hit wird oder nicht?
Fonsi:
Nein. Das kann man gar nicht. Das ist reines Glücksspiel. Man kann höchstens raten, was die Leute hören wollen. Wenn das alles so einfach ginge, dann hätten wir ja alle ohne Unterbrechung große Hits. Sicher will ich immer, dass meine Musik erfolgreich wird und so viele Menschen erreicht wie nur möglich, aber du kannst dich nicht hinsetzen und sagen: „So, schreiben wir heute doch mal einen Welthit“. Das war auch nicht der Plan.
BZ:
Was war der Plan?
Fonsi:
Ich bin seit 20 Jahren im lateinamerikanischen und spanischen Markt erfolgreich, ich wollte bloß eine neue, möglichst fetzige Single für mein langjähriges Stammpublikum aufnehmen. Dann überwand „Despacito“ Grenzen, Kulturen und Ozeane und wurde so gut wie überall auf der Welt die Nummer eins. Das ist Wahnsinn. Nicht nur in Deutschland, Europa, USA, sondern auch in Japan oder in Russland steht das Lied an der Spitze. Das ist noch nie passiert. Und dann ausgerechnet mit einem Song, der eine Liebeserklärung an meine Heimat Puerto Rico ist.
BZ:
Im Nachhinein ist aber schon offensichtlich, warum die Nummer so triumphiert, oder?
Fonsi:
Die Sache mit „Despacito“ ist die: Alle Details stimmen. Du kriegst die Melodie nicht aus dem Kopf, und der Refrain, der ja nur aus einem Wort besteht, ist so leicht, dass ihn jeder mitsingen kann, auch Menschen, die kein Spanisch sprechen. Das Video ist auch super. Und mit Daddy Yankee und Justin Bieber machen zwei Weltstars mit. Gerade vor einigen Tagen haben wir zwei Milliarden Klicks auf Youtube erreicht. So schnell hat das noch kein anderes Lied geschafft, nicht einmal „Gangnam Style“.
BZ:
Dass sich ansonsten höchst unterschiedliche Länder und ihre Bewohner allesamt dieses eine Lied ins Herz schließen, ist das nicht ein perfektes Indiz für die gute, alte Globalisierung?
Fonsi:
Ja, das ist es voll und ganz. „Despacito“ ist der Vorzeigesong für Einheit, Zusammengehörigkeit und Zusammenhalt. Der Song kommt ausgerechnet zu einer Zeit, in der es so viel Trennendes gibt, in der Menschen Mauern bauen und Zäune errichten wollen. Die Regierungen vieler Staaten ergreifen Maßnahmen zur Abschottung und zur Ausgrenzung anderer, und auf diese Stimmung prallt ein Lied, das nicht trennt, sondern vereint. Die Menschen sind doch schon viel weiter, als viele Politiker glauben. Die Poesie hinter der ganzen Geschichte ist wunderschön.
BZ:
Gibt der Song speziell den Lateinamerikanern in den USA ein gutes, positiveres Gefühl?
Fonsi:
Vielleicht unterschwellig. Das Lied baut auf, es verbessert deine Stimmung. Aber nur weil ein Song dich mitreißt, hörst du natürlich nicht auf, zum Beispiel Angst vor einer Abschiebung zu haben. Und doch ist er insgesamt positiv für das Selbstbewusstsein der lateinamerikanischen Menschen. „Despacito“ ist der erste spanischsprachige Song seit 21 Jahren, der auf Platz eins der US-Singlecharts steht. Der letzte war „Macarena“.
BZ:
Können Sie das Stück noch hören?
Fonsi:
Ja, es ist immer wieder witzig. Obwohl das echt oft passiert, meistens aus dem Auto neben mir, oder es kommen mir Leute entgegen, die das Lied gerade summen, ohne dass sie mich erkennen. „Despacito“ ist längst viel größer als ich es bin. Der Song wird mich überdauern.
BZ:
Sie haben acht Alben veröffentlicht, die in den lateinamerikanischen Märkten sehr erfolgreich werden. Wann kommt das neunte?
Fonsi:
Bald. Es ist zu 95 Prozent fertig. Allerdings läuft „Despacito“ gerade dermaßen gut, dass ich nichts überstürzen will. Meine Karriere läuft schon seit 20 Jahren, und jetzt zünden wir die nächste Stufe. Das ist total ungewöhnlich, und im Moment fühlt sich das alles an wie eine Fahrt auf der Achterbahn.
BZ:
Sie haben Musik studiert. Ist Ihnen ein ordentliches Fundament wichtig?
Fonsi:
Mir war das wichtig, ja. Ich wollte  der bestmögliche Musiker werden und die Musik aus so vielen Winkeln betrachten können. Ich will nicht nur Sänger sein, sondern auch was vom Schreiben, Arrangieren und Produzieren verstehen, halt das Handwerk beherrschen. Dass ich in jedes Detail eingebunden bin, ist gut für mich und meine Musik, das macht die Songs persönlicher und individueller.

Quelle: Badische Zeitung
Luis Fonsi featuring Daddy Yankee:
Despacito (Universal Music).

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